Archive for the ‘Ugglas Songbook’ Category

Musikantenstoßgebet

Freitag, Juli 21st, 2017

Musikantenstoßgebet

Vater unser,

Der du spielst im Himmel,

Deine Töne kommen,

Deine Noten geschehen,

Wie in der Probe, so im Konzert.

Unsere tägliche Etüde gib uns heute

Und vergib uns unsere falschen Noten,

Wie auch wir vergeben unseren Kollegen.

Und führe uns nicht in die Kneipe,

Aber erlöse uns von der Mugge,

Denn dein ist das Bier und der Wein

Und eine gute Gage,

In Ewigkeit.

Amen.

(© by Dadalus Uggla, 2013)

Selbstmord auf Niederländisch

Mittwoch, Juli 19th, 2017

Selbstmord auf Niederländisch

(Nach einer wahren Geschichte)

Als Willem zwanzig Jahre wurde, wollte er sterben.

Vor Trauer über den Tod seiner Mutter ging er ins Meer bei Katwijk. Leider war an diesem Abend ablaufende Flut und Willem stand nur drei Stunden bis zu den Knöcheln im Schlick.

Als Willem dreißig Jahre wurde, wollte er sterben.

Seine Frau hatte ihn verlassen und Willem sah keinen anderen Ausweg mehr, als sich zu erhängen. Jedoch riss das Seil und er krachte durch den Boden der Tenne, was ihm zwei gebrochene Beine und eine Narbe am Kopf einbrachte.

Als Willem vierzig Jahre wurde, wollte er sterben.

Seine kleine Firma musste den Konkurs anmelden. Willem legte sich auf die Gleise der Regionalbahn, beachtete aber nicht, dass der Sommerfahrplan zum Winterfahrplan gewechselt hatte. Der Nachtzug von Utrecht nach Hilversum raste somit auf dem Nachbargleis direkt an ihm vorbei.

Als Willem fünfzig Jahre wurde, wollte er sterben.

Seine Midlife-Krise erlaubte ihm keine andere Wahl. Der Sprung aus dem vierten Stock eines Hotels in Amsterdam endete mit einer Landung auf der Markise eines Gemüsehändlers, die dieser am Morgen neu gespannt hatte. Willem musste die nächste Nacht in einem anderen Hotel schlafen.

Als Willem sechzig Jahre wurde, wollte er sterben.

Er band eine Schleife aus dem Gürtel seines Bademantels und erhängte sich. Noch bevor sein Genick gebrochen war, schnitt ihn seine Schwester vom Haken und Willem stürzte zu Boden. Als dabei der Luftreflex wieder einsetzte, sagte seine Schwester: “Lass’ das nach!”

Als Willem siebzig Jahre wurde, wollte er sterben.

Aus Angst vor Krankheiten schluckte er den gesamten Vorrat seiner Schlaftabletten. Der herbei gerufene Notarzt konnte allerdings nur eine leichte Vergiftung auf Grund zu hohen Konsums von Ersatzsüßstoff feststellen.

Als Willem achtzig Jahre wurde, wollte er endgültig sterben.

Er stahl die Pistole eines Freundes und versteckte sie sorgsam in seiner Wohnung. Seine Erkrankung mit der alzheimerschen Krankheit verhinderte jedoch, dass er die Waffe jemals wieder fand.

Als Willem neunzig Jahre wurde, hatte er längst vergessen, dass er sterben wollte. Die Wespe auf seiner Geburtstagstorte stach ihn in die Zunge und Willem erstickte binnen Sekunden an der allergischen Reaktion auf das Wespengift. Zuvor hatte er mit seinen Freunden aus dem Altenheim noch auf den hundertsten Geburtstag angestoßen.

Und die Moral von der Geschicht’: Versuche selbst zu sterben nicht!

(© copyright by Dadalus Uggla, 2012)

aus: ‘Im Wendekreis des Jasagers’

Die Libelle

Samstag, Juli 15th, 2017

Die Libelle
Es saß einst die Libelle
Am Fluss an einer Stelle,
Wo selbst die größte Welle
sie nicht störte.

Sie überflog ihr Leben
Und dachte grade eben,
Es wäre doch ein Segen,
hier einfach sitzen zu bleiben.

Man weiß ja, die Libellen,
Sind bei Insekten die sehr schnellen,
Doch auch Fische wie Forellen,
können ziemlich fix sein.

Es war der Schwimmer gar nicht faul!
Fast wie ein junger Gaul,
Sprang er mit off’nem Maul
heraus und fraß den Flieger auf.

(Dadalus Uggla, 2017)

Gipfelgedanken

Sonntag, Juli 9th, 2017

G20-Nachgedanken
Das Fazit des ‘Gipfel-Wochenendes’ ist die Bestätigung einer schon lange gehegten Befürchtung:
Die Chancen für Veränderungen politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse auf friedlichen Wege, wie sie einst im ‘Unrechtsstaat’ DDR stattgefunden haben, werden in unserer freiheitlichen und demokratischen Republik verschwindend gering sein.
Man mag es zunächst nur als grandiose politische Fehlentscheidung werten, die gekrönten Häupter des globalen Kapitals ihren Luxus mittels einer ‘Tagung’ ausgerechnet im krawallträchtigsten ‘linksautonomen’ Zentrum des Landes zelebrieren zu lassen. Doch bei näherem Hinsehen wird schnell klar, dass diese Standortentscheidung mitnichten nur ein Zufall, ein Akt der Arroganz der Macht oder nur der Ignoranz eines größenwahnsinnigen Bürgermeisters gegenüber den realen Verhältnissen in seiner Stadt geschuldet war.
Ganz im Gegenteil: Mit der wochenlangen, medial auf allen Kanälen kommunizierten martialischen Aufrüstung der Polizei, inklusive eines extra für den ‘Gipfel’ errichteten Gefängnisses, war von Anfang an nichts anderes geplant, als eine Demonstration der Stärke der Staatsmacht gegenüber eventuell aufsässigen Bürgern zu exekutieren und von der eigentlichen Sinnlosigkeit des Gipfels (und den damit verbundenen Kosten) abzulenken. Und die üblichen tumben Randale-Hipster, die sich zu allem Hohn auch noch als ‘links’ bezeichnen, sind dieser perfide eingefädelten Provokation zuverlässig auf den Leim gegangen. So gut, dass sich nicht nur der Zorn der Stadt (und natürlich nicht zu Unrecht!) weniger auf die Verbrecher in Nadelstreifen in den Messehallen, als auf den brandschatzenden und plündernden Mob auf der Straße kaprizierte sondern dass auch der wirklich (!) linke Gedanke als gewalttätige Ideologie in der Außenwahrnehmung massiv diskreditiert wurde.
Ebenso wurden dadurch das verfassungswidrige Verhalten der Polizei, wie z.B. die Auflösung friedlicher und genehmigter Demonstrationen mit unverhältnismäßiger Gewalt, Behinderung von Anwälten und Journalisten, bewusst falsche Lageeinschätzungen oder die einseitige Darstellung gegenüber den Medien in den Hintergrund gerückt.
Die ‘Eskalation mit Ansage’, mit der so genannten ‘Hamburger Linie’ eine ‘traditionelle’ Vorgehensweise der hiesigen Polizei, hat an die teilnehmenden G20-Mitglieder bildgewaltige Signale gesetzt die zeigten, dass man sich durchaus auf Augenhöhe mit den Diktatoren der Welt unterhält und ebenso wie diese, sein Volk fest im Griff hat.
Konnten die Gewaltexzesse der letzten drei Tage zwar erfolgreich davon abgelenken, dass zehntausende Demonstranten in friedlicher Absicht gegen die Teilnehmer der G20 auf die Straße gegangen sind, sollte trotzdem die steigende Wut der Bürger gegen eine unfähige und von der Wirtschaft korrumpierte Regierung nicht mehr unterschätzt werden. Diese manifestiert sich heute virtuell im so genannten ‘Hatespeech’ und ‘offline’ in einer immer größer werdenden Aggression innerhalb der Bevölkerung, sei es im Straßenverkehr, auf der Partymeile oder sogar an Schulhöfen, auf denen schon zwölfjährige Kinder diskussionslos zuschlagen, treten oder sogar zustechen.
So werden Demonstrationen gegen soziale Ungerechtigkeiten (und damit gegen den Staat) in Zukunft zunehmen und unweigerlich auch wieder gewaltbereites Personal anziehen.
Die Folgen daraus sind fatal: Ein demokratisches Gesellschaftssystem zu einem Polizeistaat aufzurüsten ist, wie man eindrucksvoll gesehen hat, organisatorisch, als auch finanziell qua Steuergeldern ein relativ unproblematischer Akt.
Viel schwerer wird es, wenn denn dann überhaupt noch beabsichtigt, diese ‘Sicherheitsstandards’ wieder auf ein Normalmaß herunter zufahren. Schließlich haben die Geschehnisse anlässlich des Gipfels ja die Legitimation geliefert, den Staat massiv gegen die ‘Gefahr von links’ aufzurüsten und die brutale Härte der Polizei zu rechtfertigen.
Es steht zu befürchten, dass in Zukunft selbst nur kleinere Demonstrationen, Fußballspiele oder sogar Partynächte auf dem Kiez in ähnlichen Szenerien enden, wie es während des G20-Gipfels zu beobachten war. Dann werden sich nicht nur die Verstöße der Staatsmacht gegen die bürgerlichen Rechte im Sinne des Sicherheitsbedürfnis der Regierung häufen sondern sich auch die Bilder brennender Konfliktviertel in den Großstädten unseres Landes zum Alltag etablieren.
Und das nennt man dann Bürgerkrieg.

(Dadalus Uggla, 2017)

Uggla plays Satie

Samstag, Juli 1st, 2017

Zwölf weitere wichtige Wahlkampfthemen:

Samstag, Juli 1st, 2017

Zwölf weitere wichtige Wahlkampfthemen:
– Uneingeschränkte Redefreiheit für Kanarienvögel;
- Farblich genormte Tickets im gesamten ÖPNV;
- Verbindlicher Ethikkodex für Katzenbilder im Netz, (fraktionsfreie Abstimmung);
- Verbot der Begriffe ‘Armut’, ’sozial’ und ‘Arbeitslosigkeit’ in den Leitmedien;
- Verbot von Lohnarbeit für alle;
- Hartz für alle, dafür werden Bettler und Flaschensammler neue Ausbildungsberufe;
- Behindertengerechte Toiletten und Stillecken in Bundeswehrpanzern;
- Übernahme von RTL2 durch ARD und ZDF als neuer Kulturkanal;
- Ab 2025 automatische Ausbürgerung von Rentnern über siebzig;
- Jubelpflicht für alle, wenn Jogis Jungs spielen;
- Schockbilder auf Überraschungseiern;
- Lebenslange Kanzlerschaft für Muddi, (fraktionsfreie Abstimmung);

(Dadalus Uggla, 2017)

Das Murmeltier

Freitag, Juni 30th, 2017

Das Murmeltier

(für Robert Gernhardt, 1937-2006)

Und täglich kackt das Murmeltier.

Uns ungeniert ins Wohnquartier.

Es kackt mal da, es kackt mal hier,

Es kackt ganz ohne Klopapier,

Das Murmeltier.

Dann hören wir:

Das Murmeltier

Spielt hier

Um vier

Am Hafenpier

Ganz falsch Klavier.

Und nach der Klimperei am Pier,

Besäuft sich hier,

Nach vier,

Am Pier,

Das Murmeltier

In seiner Gier,

Mit einer großen Menge Bier.

Und täglich rammelt unser Murmeltier

Ein andres Tier.

Das Murmeltier

Ist dabei wie ein Stier.

Und Gnade Dir,

Das Murmeltier

Erscheint des Nachts sogar auch als Vampir!

Das Murmeltier

Ist im Revier,

(Zumindest hier,

Ab vier

Am Hafenpier),

Gefahr für Leben, Leib und Tier.

So meinen wir:

Das Murmeltier

Gehört erschossen!

Peng.

(© by Dadalus Uggla, 2010)

(aus: ‘Amselwetter’, von Dadalus Uggla)

Philosophisches Alphabet III

Freitag, Juni 23rd, 2017

Philosophisches Alphabet III

Auch arme Angestellte attestieren aufbrausenden Aktionären asoziale Arroganz.

Bisweilen beißen besoffene Boxer bildhübschen Bräuten beim Besamen beide Beine blutig.

Christliche Chirurgen campen chronisch chaotisch.

Denkende Demokraten dürften dumme Demagogen drastisch düpieren.

Elendig ehrlose Elstern entleiben erbarmungslos entschlüpfte Engerlinge.

Finstere Fischer foltern fliehende Flussforellen fürchterlich.

Geistlose Genossen genießen gelegentlich gar gekochtes Gemsengekröse.

Hysterische Hypochonder haben häufig hässliche Hunde.

Informierte Idealisten importieren illegale Industrieimitate.

Jugoslawische Jasager jammern jüdischen Jungfrauen jämmerliche Jamben.

Kein kastrierter Kabarettist kann kanadische Kalauer komödiantisch kommunizieren.

Liberale Linguisten lesen literarische Liebeslieder leider lakonisch lustlos.

Moralisierende Moderatoren masturbieren mittwochs manchmal mit molligen Modells.

Niemand narkotisiert nördlich Neufundlands namenlose, neurotische Nichten!

Oh! Opa Ottos Orthopäde ortete o-beinige Ökonomen oberhalb Ostösterreichs!

Patente Politiker polemisieren pfiffig philanthropische Parteiprogramme.

Querfurter Quallenforscher qualmen Quickborner Quitten? Quatsch!

Redliche Referendare redigieren rastlos rhetorisch rumpelige Regierungsreden.

Sieben seltsame Sonden senden samstags sonderbare Signale.

Tragisch! Theos taktloses Trampeltier tötete Tinas tumbe Turteltaube.

Übel, Übel! Unterwürfige Unterhändler unterminierten unhöflich unsere Untersuchungen.

Vernebelte Verwaltungsbeamte verunglimpfen verantwortungslos verdiente Veteranen.

Wie weiland waltet wieder weltweiter Wahnsinn.

XXXL.

Yuhu, Yuccapalmen!

Zickigen Zebras zauberten Zwerge zuletzt zehn Zecken zwischen zwei Zehen.

(© by Dadalus Uggla, 2013)

Im Westen nichts Neues

Mittwoch, Juni 21st, 2017

Teutanische Sommergedanken
Natürlich wäre es als regierungskritischer Geist einfach, alle Protagonisten unserer ”GROKO’ pauschal als ‘Idioten’ zu diffamieren:
Schließlich lügen sie uns jeden Tag auf unzähligen Pressekonferenzen und über fast jeden Medienkanal ganz offen und ohne Scham ins Gesicht.
Sie predigen Hartz IV-Wasser, baden selber im Diäten-Champagner und lassen sich zur Schlafenszeit mit den geldwarmen Ruhekissen der Lobbyisten zudecken, in dessen Auftrag sie regieren.
Sie überwachen nicht nur die Bürger bis in den hintersten Winkel ihres Privatlebens sondern greifen ihnen dummdreist und mittlerweile völlig hemmungslos mit ständig neuen Steuern und Abgabe-Ideen in die Taschen.
Sie bringen immer größere Bevölkerungsschichten an die Armutsgrenze und drangsalieren die Ärmsten der Gesellschaft mit unverhohlenem Faschismus.
Sie geben Steuergelder für sinnlose Projekte und militärische Anschaffungen aus, als gäbe es kein Morgen und missbrauchen dafür Milliardenbeträge aus Renten-und-Sozialkassen.
Sie bügeln tatsächliche europäische Probleme mit skrupelloser Arroganz ab und versuchen dafür das Land in internationale Kriege zu verwickeln, die es überhaupt nichts angeht.
Und am Ende des Tages setzen sie sich in die allgegenwärtigen Fake-Talkshows der öffentlich-rechtlichen Sender und verhöhnen das dumme Volk noch einmal nach Strich und Faden.
Doch das Volk ist nicht nur dankbar dafür und schwört einer alternativlosen Kandesbunzlerin ewige Ergebenheit sondern es erklärt diese Regierung auch immer wieder zur beliebtesten aller Zeiten.
Daraus ergibt sich eine unheilvolle Schlussfolgerung: Entweder ist der teutanische Fatalismus der Markenkern unserer kulturellen Identität oder man muss an diesem Punkt dann doch noch mal die Gretchenfrage stellen, wer hier wirklich die ‘Idioten’ sind.

(Dadalus Uggla, 2015)

Der Zaunkönig

Montag, Juni 12th, 2017

Der Zaunkönig
Es saß ein König unterm Baum
So ganz versonnen auf dem Zaun.
Er kam gerade von ‘nem Dach,
Dort pfiff er lauthals seinen Krach
Und nervte die Frau Meier,
Beim Kochen ihrer Eier.

Saß unser König auf dem Zaun,
Dann wollte man ihn hau’n,
Denn seine Schreierei,
Stört nicht nur in der Meierei,
Es ist tatsächlich ein Gebrüll,
Das keiner hier noch hören will!

Es hat ja jeder dumme Jeck,
Im Leben einen Zweck:
Der Dorfdepp baute eine Zwille
Und schoss in der Idylle,
Den Vogel von der Latte.
War einfach Pech, was er da hatte!

(© by Dadalus Uggla, 2015)

aus ‘Amselwetter’


Gödeke

Samstag, Juni 3rd, 2017

Gödeke

(Hamburg, Landungsbrücken) 

Ich traf Gödeke Michels im Hafen. Wo sonst?

Er saß am Ende der Landungsbrücken auf einem Poller und starrte elbabwärts. 

Obwohl es ein sonnenreicher Tag war, regnete es über ihm. 

Außer mir konnte ihn wahrscheinlich niemand sehen. Die Regenpfütze, in der seine schweren Stiefel standen, wurde von den auf die Elbe gaffenden Touristen nur als übergeschwappte Gischt des großen Flusses wahr genommen. 

Als einziger von damals hatte Gödeke den Sprung auf die andere Seite geschafft. 

Nicht einmal Klaus, der anders lautenden Gerüchten entgegen mit seinem wahnwitzigen, kopflosen Sprint nach der Enthauptung zwar noch das Tor berühren, es aber nicht mehr öffnen konnte, hatte die Macht besessen, in diese andere Welt einzutreten. 

Gödeke trieb sich meistens hier unten an der Elbe herum. Allerdings war er dem Grasbrook seit dem verhängnisvollen Jahr 1401 nicht mehr sehr nahe gekommen. Als einziger der dreiundsiebzig Freibeuter, konnte er sich der Hinrichtung entziehen und nach Norwegen fliehen. 

Nur ein Mal, am zwanzigsten Oktober im Jahre zweitausendeins, dem sechshundertsten Jahrestag der Enthauptung der Vitalienbrüder, sahen wir zusammen aus der sicheren Entfernung eines Bootes, wie die Pfähle mit den aufgespießten Totenschädeln für ein paar Minuten entlang des Elbstrandes schemenhaft sichtbar wurden. 

Erst um das Jahr 1708 kehrte Gödeke in die Hansestadt zurück. Seit dem war er auf der Jagd nach Rosenfeld, dem Meister des richtenden Schwertes, der den Freibeutern den Kopf abschlug und kurze Zeit später angeblich selber von einem machtgeilen Jüngling aus der Ratsbrüderschaft bei Nacht und Nebel enthauptet wurde. 

Rosenfeld ist noch hier, behauptete Gödeke trotz dessen. Ich selber habe Rosenfeld niemals zu Gesicht bekommen. Aber Gödeke war besessen von dem Gedanken, ihn in Hamburg aufzuspüren. 

Vor vielen Jahren schon hatte ich Gödeke versprochen, ihm zu helfen, den Henker seiner Freunde zu finden. Wenn selbst ich auch davon überzeugt war, Rosenfeld habe niemals Zugang zur zweiten Welt erlangen können. 

So lang ich Gödeke traf, erzählte er immer von den alten Zeiten damals. Von Klaus Störtebeker, der eigentlich Johann hieß und vier Liter Met in einem Zug trinken konnte, von Humpert Grobherz, dem furchtlosen Käpt’n, von Hennig Wichman, Magister Wigbold und den anderen Likedeelern. Und dass ihr Schiff, die “Bunte Kuh”, der Flotte Simon von Utrechts in die Hände fallen konnte, verdankte man nur einem Verrat, in den ebenfalls ein Mitglied der Rosenfeld-Sippe verstrickt war. 

Es störte ihn auch nicht, dass der Ruhm der Geschichte dabei weitgehend auf Störtebeker fiel und nicht auf ihn, den einzigen immer noch lebenden Flüchtling und eigentlichen Kopf hinter der Bande. 

Klaus sei ein Deeler gewesen und kein Pirat, sagte er immer. Alles was Klaus konnte, war Geld zu zählen und Met zu saufen. Aber er hatte etwas, dass den Weibern gefiel. Und hätte Störtebeker nicht ein Verhältnis mit der Frau des Hamburger Bürgermeister Kersten Miles angefangen, hätte dieser ihn wahrscheinlich sogar laufen lassen. Aber um sein Gesicht zu wahren, musste er Klaus und seine Spießgesellen köpfen lassen. Und Rosenfeld war ein williger Gehilfe für des Bürgermeisters Rachegelüste. 

Gödeke sprach nie darüber, wie er selbst es geschafft hatte, in die zweite Welt zu kommen. Aber er behauptete Stein und Bein, dass die Person, die im Juli 1402 in Hamburg unter seinem Namen hingerichtet wurde, nichts mit ihm zu tun hatte. 

Er zuckte nicht einmal zusammen, als ich ihm die Hand auf die Schulter legte. 

“Ich habe ihn gefunden!” sagte er nur. 

“Das Schwein ist hier. Er war die ganze Zeit hier.” 

Gödeke drehte sich zu mir um und blickte mich mit seinen stahlblauen Augen ruhig an. Für einen Moment sah ich darin, fast wie in einem Monitor, das Bildnis eines alten Mannes ohne Arme und ohne Beine. 

“Das ist Rosenfeld?” fragte ich ungläubig. 

“Das ist Rosenfeld!” antwortete Gödeke und im selben Augenblick verstummte der Regen. 

“Wie hast du ihn gefunden?” 

“Dadurch!” 

Gödeke hielt mir eine uralte goldene Taschenuhr entgegen. Auf ihrem Ziffernblatt fehlte die Zwölf. 

“Wir haben sie zusammen gebaut, er und ich. Ein halbes Jahrhundert, bevor Peter Henlein in Nürnberg seine Erfindung einer Taschenuhr vorgestellt hat.” erzählte Gödeke. 

“Bevor Rosenfeld mich und die anderen wegen der Uhr jagte, waren wir Freunde. Und durch Klaus Störtebekers unkontrolliertes Liebesleben war es ein Leichtes, den Bürgermeister gegen uns aufzubringen und uns Simon von Utrecht mit seiner Flotte auf den Hals zu hetzen.” 

“Und warum fehlt beim Ziffernblatt die Zwölf?” fragte ich. 

“Weil wir hofften, damit die Zeit zu überlisten. Wie du siehst, hat es geklappt.” 

“Wo hast du die Uhr gefunden?” 

“Sie lag im Schaufenster eines türkischen Händlers in der Nähe des Domplatzes. Der Händler kannte die Frau, die sie ihm verkauft hat.” 

“Eine Frau?” 

“Ja. Eine Frau vom Sozialamt hat die Uhr mit einigen anderen seiner Habseligkeiten veräußert, um die notwendigsten Medikamente für ihn zu kaufen.” 

“Was willst du jetzt machen?” fragte ich. 

“Ihn umbringen? Einen Toten töten?” 

“Ist das noch notwendig?” antwortete Gödeke mit einer Gegenfrage. 

“Er hat keine Arme und keine Beine mehr, lebt als Bettler in einem Rollstuhl und eigentlich besitzt er seit über sechshundert Jahren noch nicht mal mehr einen eigenen Kopf. Die Uhr hat ihn am Leben erhalten. Ob er wollte oder nicht.” 

“Wie ist das möglich? Warum hat er die Uhr nicht schon längst zerstört?” fragte ich. 

“Zuerst, weil er ein Feigling war, später konnte er es nicht mehr, zum Schluss hatte er vergessen, dass er die Uhr besass.” 

“Was wirst du jetzt machen?” 

“Ich werde das in die Uhr einbauen.” sagte Gödeke und zog ein kleines goldenes Ziffernblatt mit allen zwölf Zahlen aus seiner Tasche. 

“Ich habe es die ganze Zeit bei mir getragen und sechshundert Jahre auf diesen Augenblick gewartet. Die Zeit ist einfach stärker als wir.” 

Ein Sonnenstrahl blendete meine Augen und als ich wieder sehen konnte, war Gödeke verschwunden. Im selben Augenblick fing es wieder an zu regnen und mir wurde kalt. Ich habe Gödeke danach nie wieder getroffen. 

Vor kurzem wurden in der Nähe des ehemaligen Hamburger Domplatzes menschliche Knochen gefunden, die wahrscheinlich aus dem 14. Jahrhundert stammten. Interessant dabei war der Fund einer goldenen Taschenuhr, über deren Alter die Experten hoch erstaunt waren. Im selben Monat entdeckte ein Spaziergänger am Großen Grasbrook Leichenteile eines Menschen. Der Rumpf hatte keine Arme und Beine mehr und ihm fehlte der Kopf. Die Identität des Mannes konnte nie ermittelt werden. Den Polizeipathologen gab der Tote noch ein weiteres Rätsel auf: Laut einer DNA-Analyse war der noch nicht einmal verweste Torso ungefähr sechshundert Jahre alt.

(© by Dadalus Uggla, 2008)

Partnerschaftsgespräche

Montag, Mai 29th, 2017

Partnerschaftsgespräche

(Gespräch mit einem, von seiner Frau geschiedenen Freund vor etwa zehn Wochen)
Ich: Jetzt kannst du ja auch wieder alles hören, was du magst.
Er: Meine nächste Frau muss atonale Musik mögen, sonst geht gar nichts.

(Gespräch mit einem, von seiner Frau geschiedenen Freund vor einer Woche)
Ich: Na, wie geht es mit deiner neuen Freundin?
Er: Super, sie ist Wahnsinn!
Ich: Und hört sie auch gerne atonale Musik?
Er: Nein. Ich höre jetzt Schlager.
Ende

(Dadalus Uggla, 2015)

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